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Das ostwestfälische Lemgo, eine der ältesten lippischen Städte, wurde im Jahre 1190 als Planstadt am Schnittpunkt wichtiger Handelsstraßen durch die Herren zu Lippe - Detmold gegründet. Die lagebegünstigt schnell aufstrebende Ansiedlung erwarb 1245 das Stadtrecht und wurde 1324 in den Hansebund aufgenommen. Obwohl der Landesherr Graf Simon VI. zu Lippe 1605 offiziell zum evangelisch - reformierten Bekenntnis übertrat, verblieb die Stadt Lemgo nach dem Röhrentruper Rezess von 1617 dem lutherischen Bekenntnis treu - im Grunde die Basis zur unheilvollen Entwicklung der Hexenprozesse in Lemgo (s. Gesinnung M. Luthers zum ‘Hexenwesen’, in: ‘Das reale Christentum’, Verf.) - erhielt aber als einzige lippische Stadt von Simon VI. die Blutgerichtsbarkeit (Hochgericht, Entscheidung über Leben und Tod). In Sachen Hexenjustiz existierten in Lippe zwei Kriminalgerichte, das in Detmold, Horn oder Brake tagende landesherrliche Gericht und die örtlichen Gerichte, speziell für Lemgo, das vom Rat der Stadt verwaltete Halsgericht, das unter dem Vorsitz der jeweiligen Bürgermeister, auf dem Marktplatz oder im Rathaus, in der Neuen Ratsstube, seine öffentlichen Sitzungen abhielt. Das Peinliche Gericht (Anwendung der Folter) tagte in den Gefängnissen, die sich meist in den Stadtmauertürmen oder -toren befanden. Der einzige verbliebene Bau dieser Art ist der sog. Pulver- oder Büttelsturm (Neue Str. 80) südl. des ehemaligen Ostertores am Kastanienwall. Am nordwestlichen Rand des Marktplatzes, mittig vor der Front des Eckhauses ‘Kramerstraße 10’,  befand sich bis 1826 der Richtstuhl, anbei der ‘Kak’ (Pranger) mit Halseisen, das ‘Drillhäuschen’ (drehbarer Käfig) und der ‘Schandesel’. Die sog. ‘Wasserproben’ fanden an der Brücke nahe der Mühle am Johannistor statt (ausgegangen). Rechtsgrundlagen waren die ‘CCC’ - Codex Carolina Criminalis, ein zur Zeit Karl des Großen entstandenes Strafgesetzbuch und die von Kaiser Karl V. 1532 eingeführte Halsgerichtsordnung, sowie die ‘Statuta Lemgoviensium’ (städtische Verordnung). In jener Zeit gab es in Lemgo vier Bürgermeister, die jährlich paarweise wechselten, wobei nur einer von beiden die Hexenprozesse führte, sowie auch die Mitglieder des Stadtrates jährlich neu gewählt wurden. Damit übte in Lemgo der Stadtrat die bestimmende kirchliche und weltliche Macht aus.  

Die Hexenverfolgungen in Lemgo fanden zwischen 1509 und 1681 statt und können zeitlich in vier Perioden gegliedert werden, in denen die Schwerpunkte der Hexenprozesse lagen, in deren Verlauf nachweislich insgesamt ca. 250 Menschen zum Tode verurteilt wurden, etwa die Hälfte davon nach 1653 (s. Stadtarchiv Lemgo, Prozessakten). Das Peinliche Verhör zur ‘Wahrheitsfindung’ (Folter) wurde so intensiv betrieben (entgegen der Regeln der CCC / Halsgerichtsordnung - 1 Stunde, ohne körperliche Schäden), bis jedes gewünschte ‘Geständnis’ von den Gerichtsschreibern fixiert werden konnte. Nicht selten kamen dabei bereits Delinquenten zu Tode, die aktenlos verscharrt wurden und damit eine gewisse Dunkelziffer der Gesamtopferzahlen bilden. (Verf. frei nach ...wikipedia.org-Hexenverfolgung in Lemgo)

rathaus neue ratsstube mit relief der justizia regenstor kopie lz.de

Neue Ratsstube im Rathaus mit Intarsien und Reliefs von 1589, Justitia (ohne Augenbinde), Regenstor, Rotdornwall, südöstl. Stadtmauer, 1876 abgerissen                         (Kopie aus ...lz.de / Lippische Landeszeitung, Repro aus Stadtarchiv Lemgo / Fotoarchiv Ohle)

Nach Lit. Dr. Gisela Wilbertz, ...es ist kein Erretter da gewesen ... Bielefeld 2008, endete am 2. Juni 1666, Samstag vor Pfingsten, der perfide und grausam unter Bürgermeister Anton Wippermann geführte Prozess gegen dessen Neffen, dem 47 jährigen Andreas Koch, Pfarrer der St. Nicolaikirche, der in aller Frühe, zwischen 4 und 5 Uhr, unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Beisein des Stadtrates unter dem Regenstor (ehemalige südöstl. Stadtmauer, 1876 abgerissen) von Scharfrichter David Clauss enthauptet wurde. Hexenbrände (Lebendverbrennung) fanden in der Regel außerhalb der Stadt, in der ‘Sandkuhle vor dem Ostertor’ statt (Bereich Postkreisel / B 66 / Ostertor). Pfarrer A. Koch glaubte selber an Hexen, doch kamen ihm erhebliche Zweifel auf, ob die durch Folter erpressten, meist stereotypen Aussagen nicht zur Verurteilung von unschuldigen Menschen führten. Beeinflusst von der Lemgoer Oberschicht, die sich gegen diesbezügliche Prozesse ihrer Familienangehörigen in zunehmenden Maß wehrten, hielt er in seiner St. Nicolaikirche Moralpredigten über die Laster Trunksucht, Ehebruch, Habsucht und Verleumdung, die in gewissen Lemgoer Kreisen erheblich um sich griffen, prangerte aber auch in diesem Zusammenhang eine gewisse Inkompetenz der zuständigen Gerichte im Umgang mit der Wahrheitsfindung während der Hexenprozesse an. Als er z. B. die als Hexe überführte Elisabeth Tillen (1665) im Rahmen seines Amtes zum Richtplatz begleitete, beteuerte sie ihm als Beichtvater in vertraulicher Weise ihre absolute Unschuld. Schnell war der kritische Pfarrer ein Dorn im Auge der Hexenjäger, die es verstanden Besagungen und Intrigen gegen ihn zu spinnen, die darin gipfelten, dass er angeblich am Hexentanz vor der Nicolaikirche teilnahm. Seines Amtes enthoben und als ‘Teufelsbündner’ verschrieen, schreibt er am 29. 10. 1665, noch zuversichtlich, an die Gräfinwitwe Maria Magdalena zu Schwalenberg: ‘Gott wird endlich mein Haupt aufrichten und mich wieder zu Ehren setzen’ (Teil der Inschrift seines Gedenksteines). Wohl ein letzter schriftlich erhaltener Hilfeschrei ist das Schreiben vom 6. 4. 1666, weinige Tage vor seiner Hinrichtung, an den Landesherrn Graf Hermann Adolph, aus dem das Zitat im Titel ‘...es ist kein Erretter da gewesen ...’ überliefert ist. (Verf.)   

In diesem Zitat spiegelt sich unverkennbar Koch’s Zweifel an der Existenz Gottes wieder. Im Kern ist es der alte theologische Disput ‘Warum hilft Gott nicht in der Not’, eine Frage die von den Gläubigen oft gestellt wird und mit deren Beantwortung die Theologie sich schon immer schwertut. Die einfache Antwort darauf dürfte nur unschwer zu finden sein (Verf.)

gedenkstein koch in der kirche agnus dei original-relief um 1300
st. nicolaikirche blick von sueden

St. Nicolaikirche, Blick von Süden, Gedenkstein für Pfarrer Andreas Koch, Relief aus schwarzem Granit mit den Daten seiner Biografie, seit 1999 in der Kirche, geschaffen von Dorsten Diekmann, Lemgo, ‘Agnus Dei’ (Lamm Gottes) Relief, um 1300, seit 14. Jh. an der sog. Feldseite (Außenseite) über der Torzufahrt des 1876 abgerissenen Regenstores, heute im Museum ‘Hexenbürgermeisterhaus’, Breite Straße 17-19

Andreas Koch (Pfarrer), Lemgo

Bern(h)ard Witte, Mönch der Benediktiner Abtei Lisborn (+ 1520) berichtet in seiner ‘Historia Westphalia’ (‘Historia antiquae occidentalis Saxonia, seu nunc Westphaliae, cui accedunt appendices quaedam de bello et Monasteriensi, etc.’, gedruckt 1778 in Aschendorf - erste schriftliche Gesamtgeschichte Westfalens), das am 25. April 1509 fünfzehn Personen wegen Giftmischerei gefangen genommen waren - vierzehn Frauen und ein Scholasticus. Sieben Frauen wurden mit dem Feuertod bestraft, nachdem sie auf der Folter ‘viele schreckliche Taten und Malefizen gestanden.’ Schriftliche Überlieferungen setzten 1564 mit dem Prozess gegen die aus einer Horner Ratsfamilie stammende Elisabeth Bösendahl ein. 1566 beginnt ein Verfahren gegen Johan Büchsenschütz, dem Sortilegien und Zauberei vorgeworfen werden (Weissagungen). Unter der Folter macht er Zugeständnisse, er wird öffentlich gestäupt (ausgepeitscht) und des Landes verwiesen. 1583 wird Ilsche Heithenken beschuldigt einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben. Sie wird gefoltert und sagt aus, sie habe das Zaubern von Grete Schlirup gelernt und auf der Hinxheide nahm sie an Hexentänzen teil. Der Ausgang des Verfahrens ist unbekannt, doch geht daraus hervor, dass vor ihr mindestens zwei Lemgoer Bürgerinnen verurteilt worden sind. 1583 wird die Voßesche als Zauberin gerichtet und 1584 Grete Schlirup, die angebliche Lehrmeisterin der Heithenken. Zudem berichtet der Marburger Jurist Wilhelm Adolf Scribonius, dass am 27. September 1584 drei Hexen außerhalb der Stadt verbrannt worden seien, es könnte neben der vorgenannten die Schnitgersche und / oder die Kikeralke gewesen sein. Nicht alle Prozesse der Lemgoer Frühphase endeten mit dem Todesurteil. Margarethe Teuffel und Catharina Culemann sind nach geleisterter Urfehde entlassen bzw. zu Staupenschlag und ewigen Landesverweis verurteilt worden. (Quelle: Lit.: H. J. Wolf, Geschichte der Hexenprozesse, Hamburg 1998, S. 722-726)  

Unter den Bürgermeistern Heinrich Kerkmann (*13. 12. 1587, Lemgo / + 26. 3. 1666 ebenda) und Hermann Cothmann (*1. Mai 1629, Lemgo / + 25. Januar 1683 ebenda) wird Lemgo im 17. Jh. von massiven, blutrünstig geführten Hexenprozessen erschüttert. Beide Amtsmänner fungieren weniger als Vertreter der bürgerlichen Elite, sondern mehr als Exponenten der lippischen Landesherren, mit entsprechenden Privilegien. Ausgestattet mit diesem Machtpotenzial beeinflussen sie nicht nur den Stadtrat sondern entwickeln in Sachen Hexenjustiz ein extrem autoritär geprägtes Regiment über die Stadt. Kerkmann wird ab 1626 in jedem 2. Jahr zum Bürgermeister gewählt, Cothmann sogar, entgegen der Gewohnheit, in jedem Jahr seiner Amtszeit, außer 1669 und 1674. Korruptionsartige Verhältnisse beherrschen die Szene, denn die Hexenprozesse werden zum lukrativen Geschäft. Zum Beispiel führt Kerkmann die sog. Begnadigung ein - die Möglichkeit der Hinrichtung mit dem Schwert, statt der qualvollen Lebendverbrennung, wobei dafür zusätzlich, neben den eigentlichen Prozesskosten, eine erhebliche Geldsumme von den Delinquenten oder von deren Angehörigen entrichtet werden musste, wovon bis hinauf zum Landesherrn profitiert wird. (Verf.) 

Hermann Cothmann war der Sohn des Kaufmannes Dietrich Cothmann und Catharina Goehausen, die Schwester des Rintelner Universitätsprofessor Hermann Goehausen, der als Theoretiker der Hexenverfolgung in Rinteln bzw. in der gesamten Region bekannt wird (s. Rubrik Blickpunkte / Rinteln). Als der 25 jährige Cothmann einen Dienst bei einer Adelsfamilie auf Rügen versah, wird 1654 in Lemgo ein Prozess gegen seine Mutter eröffnet. Sie wird als Hexe zum Tode verurteilt und gerichtet. Welche psychologischen Einflüsse dieses Ereignis auf sein späteres Fungieren als ‘Hexenjäger’ verursachte, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Cothmann versteht es mehrere Ratsmitglieder (z.B. Hilmar Kuckuck, Bartholdus Krieger) bzw. hochrangige Mitglieder der Lemgoer Führungsschicht und sogar Mitglieder der Landesregierung auf seine Seite zu ziehen, die ihm vorbehaltlos folgen. Er lässt bis in höchste Lemgoer Kreise denunzieren, keiner ist seines Lebens mehr sicher. Begüterte Kaufleute, Handwerker, Apotheker (David Wellmann) und politisch unbequehme Gegner, sogar Stadträte, fallen ihm und seinen Justizschergen zum Opfer, ca. hundert Menschen während seiner Amtszeit zwischen 1666 und 1683. Cothmann wusste, von wem er nicht alljährlich als Bürgermeister gewählt wurde, da die Wahlen öffentlich waren. Die Frage, warum wurde Cothmann immer wieder gewählt, beantwortet sich daraus von selbst. Machtmissbrauch, verbunden mit persönlicher Bereicherung, wird zunehmend deutlich, denn jegliches Habe der Verurteilten wird konfisziert und der Erlös im Komplott verteilt. Wohl kaum glaubte Cothmann oder Kerkmann, oder die zahllosen ‘Hexenjäger’ im damaligen Deutschland, wirklich an Hexen und Zauberei, vielmehr wurde der alte, von der Kirche inszenierte Volksaberglauben ruch- und schamlos geschürt und ausgenutzt. Nach 1665 beginnt sich unter der Lemgoer Bürgerschaft erheblicher Widerstand gegen die Hexenprozesse zu formieren. Der wegen drohender Hexereianklage aus der Stadt geflohene Kämmerer und Ratsherr Cordt Dierking tritt sogar 1667 vor das Reichskammergericht in Speyer. Um Lemgo nicht in den Verruf eines ‘Hexennestes’ kommen zu lassen ist ein Disput zwischen einem Ratsherr und dem Ratsherrn Hilmar Kuckuck überliefert, der diesbezüglich aufkommt. In dessen Verlauf soll letzterer gesagt haben: ‘Wir müssen noch 14 Personen weghaben, sonst kriegen wir selbst einen Prozess an den Hals’ (Verf.)

Quellangaben: Lit.: 1. Dieter Breuers, In drei Teufels Namen - Die etwas andere Geschichte der Hexen und ihrer Verfolgung, Bastei Lübbe AG, Köln 2007, 2. Dr. Gisela Wilbertz, ...es ist kein Erretter da gewesen ..., Bielefeld 2008 (ehem. Leiterin Stadtarchiv Lemgo), 3. Hans-Jürgen Wolf, Geschichte der Hexenprozesse, Hamburg 1998, 4. Karl Meier, Hexen, Henker und Tyrannen - Die letzte und blutigste Hexenverfolgung in Lemgo, Lemgo 1949

Internet: 1. ...wikipedia.org-wiki-Lemgoer Hexenprozesse, 2. ...historicum.net-Lexikon der Geschichte der Hexenprozesse, 3. ...nicolai-lemgo.de 

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